Wer frei sein will, braucht einen guten Terminkalender

Unsere Autorin meint: Struktur, Planung und viele Textmarker machen das Leben besser.
Von Carlotta Diederich
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Kalender und gute Organisation – für unsere Autorin der Schlüssel zu mehr Freiheit.

Foto: Unsplash / Windows

Musikvideo, „Whatever“: Cro steht irgendwann mittags auf, steigt über die Alkoholleichen in seinem Wohnzimmer hinweg, steigt aufs Skateboard und singt: „Mir ist scheißegal was morgen kommt, ich heb mein Glas und schrei Bye bye, ich fühl mich so frei, frei …“ Diese Zeilen lassen mich jedes Mal relativ ratlos zurück. Ich verstehe einfach nicht, was erstrebenswert an einer solchen Situation sein soll, was genau ihn sich frei fühlen lässt. Denn ich will sogar UNBEDINGT wissen, was morgen kommt. Freiheit bedeutet für mich anders als für Cro: ein gut gefüllter Terminkalender. Textmarker. Klare Routinen. Kurz: ein geordneter Kopf.

Auch wenn es manchen für einen Moment vielleicht wirklich scheißegal ist, was morgen kommt – morgen kommt ja trotzdem. Und niemand kann mir dann noch erzählen, dass er sich frei fühlt, wenn er planlos in den Tag lebt und dabei schon lange nichts mehr richtig auf die Reihe gekriegt hat. Ich jedenfalls stelle es mir deutlich qualvoller vor, ständig von Terminen überrascht zu werden (die man im schlimmsten Fall sogar schon verpasst hat) und das dann hinterher aufräumen zu müssen. Da weiß ich lieber schon beim Trinken am Abend, was morgen ansteht. Das heißt ja nicht, dass ich nicht trotzdem zu viel trinke – Aber zumindest ist mir klar, worauf ich mich einstellen muss.

Ich fühle mich gerade deshalb frei, weil ich Struktur lebe

Ich fühle mich also gerade deshalb frei, weil ich Struktur lebe. Weil ich Dinge dann erledige, wenn ich sie erledigen muss und kann. Und nicht nachts um drei Uhr, weil sie mir siedend heiß eingefallen sind. Weil ich meine Termine nicht nur festhalte, sondern sie auch in drei verschiedenen Farben kennzeichne. Weil dieses „Ich müsste jetzt eigentlich noch das und das machen“-Gefühl dadurch einfach gar nicht erst entsteht. Ich habe dieses Gefühl bei anderen beobachtet und ich beneide sie nicht: Die Freundin im Dauerstress zum Beispiel, deren längst überfällige Hausarbeit ihr Herzrasen bereitet. Der Freund mit der unnötigen Mahngebühr. Dabei hätten die Dinge ja geklappt – wäre alles nur ein bisschen besser geplant gewesen. Wenn man da Struktur reinbringt, reduziert das das Stresspotenzial enorm.

Gleichzeitig weiß ich, dass eben viele genau andersrum denken: Sie verbinden gut gefüllte Terminkalender mit Stress und Freudlosigkeit. Sie glauben, dass sich Leute wie ich immer nur von äußeren Zwängen und Deadlines leiten lassen würden. Dabei stimmt das gar nicht: Auch und gerade ein strukturiertes Leben lässt Platz für Vergnügen. Struktur-Rahmen kann ich nämlich genauso füllen, wie ich mag. Wenn man von vornherein neben Arbeitsterminen auch „Serie schauen“ auf die To-Do-Liste schreibt, wird man überrascht sein, wie geil das Gefühl ist, das Leben auf einmal voll unter Kontrolle zu haben.

In meinem Kalender steht neben „9 Uhr Uni“ auch „12 Uhr Sonnen im Park“

Deswegen stehen in meinem Kalender neben „9 Uhr Uni“ und „16 Uhr Sport“ auch „12 Uhr Sonnen im Park“ oder „20 Uhr Trash TV“. Und auch wenn es sich am Anfang vielleicht komisch anfühlt, freie Zeit als To-Do aufzuschreiben, merkt man sehr schnell, wie viel mehr man dann davon hat. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nämlich darin: Eingetragene Freizeit ist auch reale Freizeit, ein Termin, wie alle anderen auch – Da, um eingehalten zu werden.

Irgendwann habe ich meinem Freund deshalb auch mal einen Kalender geschenkt, eine dünne Version, nichts besonderes. Ich wollte ihm damit Freiheit schenken. Dass er da leider nicht so ganz mitziehen wollte, fiel mir nach ein paar Monaten mit vielen leeren Seiten auf. Wenn er dann nicht den Bachelor mitgucken kann, weil er bis tief in die Nacht irgendwelchen Kram erledigen muss, den er auch längst hätte tagsüber abhaken können, merke ich mal wieder, wie frei Struktur macht. Und trotzdem höre ich immer wieder von ihm: „Och, können wir das nicht spontan schauen?“

Ach ja, ich habe es wirklich versucht, das mit der Spontaneität. Was dabei herausgekommen ist? Die Dinge, die ich nicht mag, erledige ich spontan. Also nie. „Das Leergut“, sagte ich, „bringe ich spontan weg.“ Ratet mal, was sich solange in der Küche türmte, bis ich es endlich zu einem Punkt auf meiner To-Do-Liste gemacht habe.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Die Autorin des Textes ist dort Stipendiatin und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

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