„Menschenrechte sind denen scheißegal“

Immer wieder werden Geflüchtete an der EU-Grenze gewaltsam von der kroatischen Polizei nach Bosnien zurückgeführt – illegalerweise.
Von Niko Kappel
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Schlagstöcke, Kälte, enthemmte Gewalt und erniedrigende Behandlung: NGOs und Geflüchtete berichten von schrecklichen Zuständen an der bosnisch-kroatischen Grenze.

Foto: Maja Hitij / dpa

Anfang März spielte Bilal das „Spiel“. So nennt er es selbst. Es ist der Versuch, über die bosnisch-kroatische Grenze zu kommen. Ziel des „Spiels“ ist Italien. Für Bilal, einen 25-jährigen Pakistaner, ist es das Land, in dem er leben möchte. Alle Menschen, mit denen man über illegale Rückführung von Kroatien nach Bosnien-Herzegowina spricht, benutzen den Begriff „Spiel“. Es ist das Spiel gegen die kroatische Polizei. Bilal hat es 16 Mal gespielt. Es steht 16:0 für die kroatische Polizei. Bilal sagt, dass er bei vielen Versuchen von der Polizei geschlagen wurde, mit Fäusten und mit Stöcken. Jedes Mal nahmen sie ihm alles weg, was er bei sich trug.   

Seit drei Jahren häufen sich die Berichte über die gewaltsame Rückführung von Geflüchteten nach Bosnien. Kroatien ist Mitglied der Europäischen Union, eigentlich dürfen Geflüchtete dort einen Asylantrag stellen. Oft kommt es dazu nicht, weil die kroatische Polizei die Menschen illegal nach Bosnien zurückbringt. Im November 2019 veröffentlichte Human Rights Watch ein Video, in dem Asylsuchende erzählen, wie sie von der kroatischen Polizei aufgegriffen und geschlagen wurden. Die Polizei soll all ihre Sachen verbrannt haben. Im Juni 2020 berichtete Amnesty International ausführlich von der Misshandlung Geflüchteter durch die kroatische Polizei. Die Polizisten sollen die Geflüchteten geschlagen und ihnen Ketchup und Mayonnaise in die blutigen Wunden geschmiert haben. Amnesty zufolge wurden die Geflüchteten nach Bosnien zurückgeführt und die Polizei nie für die Misshandlungen belangt.

Bei Bilals letztem „Spiel“ Anfang März wurde er drei Kilometer vor der Grenze zu Slowenien aufgegriffen. Die kroatische Polizei habe ihn gefangen und mitgenommen, weil er keine Papiere hatte. Dann hätten sie ihn mit Stöcken geschlagen. Bilal erzählt am Telefon, die Polizisten hätten all seine Sachen verbrannt, ihm sein Geld weggenommen und ihn für eine Nacht eingesperrt. Dann sei er mit einem Bus zurück nach Bihać gebracht worden.

Kurz vor Weihnachten zündeten Unbekannte die Zelte der rund 1300 Geflüchteten an

Bihać in Bosnien-Herzegowina hat etwa 60 000 Einwohner und liegt an der Grenze zu Kroatien. Der Ort liegt auf dem Weg, der 2015 als „Balkanroute“ bekannt wurde. Wenn Geflüchtete von den griechischen Inseln wegkommen, dann landen sie oft hier. 25 Kilometer entfernt von Bihać befand sich bis Dezember das Camp Lipa. Dort hatten etwa 1000 Menschen Platz. Ohne befestigte Straßen, ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Die bosnische Regierung weigerte sich, das Lager winterfest zu machen. Deshalb sollte Lipa kurz vor Weihnachten geräumt werden. Am 23. Dezember zündeten Unbekannte die Zelte an. Die rund 1300 Menschen aus Lipa leben seitdem in den Wäldern an der kroatischen Grenze.

Auch Bilal ging nach dem Brand von Lipa in den Wald. Auf seinem Facebook-Profilbild trägt er eine blaue Kappe, ein schwarzes T-Shirt und eine Kette. Es ist ein Selfie, aufgenommen in einem Café. Klickt man ein paar Bilder weiter, trägt Bilal die Uniform der pakistanischen Armee. Noch ein paar Bilder weiter und Bilal zeigt eine lange Narbe an seinem Hals. Er habe gegen die Taliban gekämpft, sagt er, im Nordwesten Pakistans, an der Grenze zu Afghanistan. Fünf Jahre lang, bis eine Kugel seinen Hals streifte. Da hätte er sich entschieden zu gehen. Weil er sich dem Militär verpflichtet hatte, konnte er nicht einfach so seinen Dienst quittieren. Er floh über Iran und die Türkei. Dann landete er in Bihać.

Bilal schickt Bilder auf Facebook. Er hat sich mit zehn Freunden, alles Geflüchtete aus Pakistan, ein kleines Camp im Wald aufgebaut. Dreckige Zelte, Wäscheleinen mit Sportklamotten. Männer, die im Kreis sitzen, umringt von Müll. Bilal sagt, dass sie sich ein Smartphone teilen. Wenn jemand das „Spiel“ spielen geht, dann würden sie keine Handys mitnehmen. Zu gefährlich, weil die kroatische Polizei es ihnen sowieso abnehmen würde. Bilal und seine Freunde leben von Spenden. Manchmal kommen die Helfer*innen kleiner NGOs in den Wald und bringen Essen.

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Bilals Lager im Wald bietet gerade im Winter nur wenig Schutz vor Wind und Wetter.

Foto: privat
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Bilal hat sich mit zehn Freunden, alles Geflüchtete aus Pakistan, ein kleines Camp im Wald aufgebaut

Foto: privat
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Nachts sinken Anfang April die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt.

Foto: privat
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Janniks Hilfsorganisation versorgt die Geflüchteten mit Essen und Decken.

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„Die Regierung vergibt keine Arbeitserlaubnis an kleine Hilfsorganisationen, weil sie nicht will, dass mehr Menschen nach Bosnien kommen“, sagt Jannik.

Foto: privat
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„Die kroatische Polizei ist brutal“, sagt Bilal

Foto: privat

Jannik war einer dieser Helfer. Er ist 23 und studiert eigentlich Jura in Heidelberg. Im September 2020 fuhr er mit dem Fernbus nach Bihać und blieb dort für drei Monate, um zu helfen. Eigentlich wollte er nach Griechenland. Aber in Deutschland sagte man ihm, die Lage in Bosnien sei schlimmer als auf Lesbos. Jannik ist seit Jahren politisch aktiv. Er erzählt, dass sich seine Freunde in Deutschland oft über ihn lustig machen, weil er keine Langeweile aushalten würde. Vergangenes Jahr fing er an der Uni mit VWL an. Weil ihm VWL und Jura im Lockdown nicht reichten, fuhr er nach Bosnien.

Viele Hilfsorganisationen werden zumindest offiziell daran gehindert zu helfen

Jannik will nicht, dass geschrieben wird, wie die NGO heißt, für die er arbeitet. Die bosnische Polizei erlaubt vielen Organisationen nicht, den Menschen im Wald zu helfen. „Die Regierung vergibt keine Arbeitserlaubnis an kleine Hilfsorganisationen, weil sie nicht will, dass mehr Menschen nach Bosnien kommen“, sagt Jannik. „Das ist ein Witz. Wir verteilen Essen und Schlafsäcke. Deswegen kommt niemand nach Bosnien.“ Rigoros verfolgt die Polizei die Arbeit der kleinen NGOs aber auch nicht. „Die wissen, dass wir da sind“, sagt Jannik. Aber ausgewiesen würden die Helfer*innen auch nicht werden. „Sonst würden die Menschen in den Wäldern sterben. Diese Bilder will die bosnische Regierung sicher nicht in den Nachrichten sehen.“

Wegen der bosnischen Polizei kann Janniks Organisation tagsüber nicht arbeiten. Die Helfenden fragen die Gruppen im Wald nach Handynummern, unter denen sie erreichbar sind. Dann wird ein Treffpunkt ausgemacht, versteckt im Wald, wenn es dunkel ist. Über Whatsapp wird geklärt, wie viele Menschen dort leben. Dann wird Essen in eine Kiste gepackt und an ein Mitglied der Gruppe übergeben. 

Der kroatische Innenminister weist alle Vorwürfe zu illegalen Pushbacks zurück

Janniks Hilfsorganisation kümmert sich auch um Menschen, die gerade von den Pushbacks aus Kroatien zurückkommen. „Wir fahren die Straßen an der kroatischen Grenze ab und suchen nach Menschen“, sagt Jannik. Fast jeden Tag finden sie jemanden. Oft barfuß, oft mit blutenden Wunden. Die Geschichten der Menschen dokumentieren Jannik und seine Kolleg*innen und stellen sie der NGO „Border Violence Monitoring Network“ zur Verfügung. Das Netzwerk sammelt Berichte von illegalen Rückführungen. Auf der Webseite des Border Violence Monitoring Network kann man 95 Berichte über gewaltsamen Pushbacks von Kroatien nach Bihać lesen.

Bei einer Pressekonferenz im November 2020 dementierte der kroatische Innenminister Davor Božinović alle Vorwürfe zu diesen illegalen Pushbacks an der EU-Außengrenze. Geflüchtete, die ein EU-Land wie Kroatien betreten, haben eigentlich das Recht auf Prüfung eines Asylantrags. Wenn man Bilal und Jannik das sagt, dann lachen beide nur. „Die kroatische Polizei ist brutal“, sagt Bilal. „Menschenrechte sind denen scheißegal“, sagt Jannik. Pro Asyl schreibt von „enthemmter Gewalt und erniedrigender Behandlung“ an der Grenze. 

In Bihać sanken die Temperaturen Ende März wieder unter null. Es soll schneien. Bilals Gruppe im Wald ist mittlerweile größer geworden. Sie seien jetzt 25 Männer, erzählt er. Das Essen sei nach wie vor knapp, aber sie hätten genügend Decken und Schlafsäcke. Die vergangenen Wochen war es zu kalt für das „Spiel“. Der Weg über die Berge über die grüne Grenze war Bilal bei Schnee zu gefährlich. Aber jetzt im April, da ist es wieder wärmer. Bald will Bilal wieder versuchen, das „Spiel“ zu gewinnen.

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