„Auf dem Land muss man die Ansprüche runterschrauben“

Die Partnersuche ist auf dem Land oft besonders schwer. Denn das Angebot ist knapp und der eigene Ruf schnell gefährdet. Zwei Singles erzählen.
Von Lara Thiede
Single auf dem Land

Dating auf dem Land hat seine Tücken: vor allem weil jeder jede kennt.

Illustration: FDE

Katharina ist heute zu Besuch in München, sie hat dort ein Date. Zwei Stunden ist die 26-Jährige dafür mit Bus und Zug angereist. „Klar nervt der Aufwand – aber was soll ich machen, wenn es in meiner Gegend niemand Interessanten gibt?“, sagt sie. Katharina ist schlank, hat große blaue Augen und eine kleine Stupsnase mit Sommersprossen darauf. Sie entspricht dem gängigen Schönheitsideal und hatte nie Schwierigkeiten, bei Männern anzukommen. Trotzdem benutzt sie seit etwa zwei Jahren Dating-Apps und muss den Radius dabei ständig erweitern. In dem kleinen Ort, in dem sie lebt, lässt sie inzwischen bis zu 70 Kilometer Entfernung zu, um auch die Männer in der nächstgelenen Großstadt kennenlernen zu können. „Trotzdem ist meine Auswahl extrem eingeschränkt – weil natürlich wenige in der Stadt einen genauso hohen Radius angeben. Denen werde ich nicht vorgeschlagen. Ich sehe deshalb immer wieder dieselben Gesichter.“

Während die Auswahl an potenziellen Partner*innen in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München oft als „zu groß“ beklagt wird, haben Singles in Kleinstädten oder dem Dorf kaum Angebot. Wo nur Hunderte oder wenige Tausend Menschen wohnen, ist die Chance automatisch geringer, dass man jemanden findet, der zu den eigenen Bedürfnissen passt. So sieht das auch Max, der schon nach knapp einem Jahr Single-Leben strapaziert davon ist. Max heißt eigentlich anders, möchte hier aber nicht mit seinem echten Namen genannt werden. Er fürchtet, durch diesen Artikel in seiner Gegend nur noch als verzweifelter Single zu gelten.

„Nachdem ich dann mit all denen schon was hatte, war es eben irgendwie vorbei“

„Wenn du dein ganzes Leben im selben Dorf verbracht hast, kennst du mit 25 schon alle im Landkreis“, sagt Max. Er wohnt in einem 350-Einwohner-Dorf in Mittelfranken. Nachdem 2019 seine langjährige Beziehung zu Ende gegangen war, wollte er sich ziemlich schnell mit anderen Frauen ausprobieren. „Am Anfang war das noch einfach. Da gab es so einige, von denen ich wusste, dass die schon während meiner Beziehung auf mich geschielt haben. Aber nachdem ich dann mit all denen schon was hatte, war es eben irgendwie vorbei.“

Für Katharina ist ein Problem, dass auf dem Dorf jede*r jede*n kennt. Sie ist nämlich angehende Lehrerin und will von Kindern aus der Schule oder dem Kollegium nicht beim Daten „erwischt“ werden. Wenn sie einen Mann aus ihrer Umgebung trifft, verabredet sie sich deshalb an wenig belebten Orten. „Der Marktplatz oder die Eisdiele – sowas wäre viel zu riskant.“ Aber auch so guckt sie sich ständig um, ob nicht doch ein Schüler hinter ihr steht. Daher nimmt sie dann auch solche Fahrten wie die nach München auf sich: „Wenn ich in eine andere Stadt fahre, bin ich zumindest dahingehend viel freier. Da kennt mich niemand, ich kann knutschen, wenn ich knutschen will.“ 

Manche finden das vielleicht paranoid. Max kennt das Problem allerdings auch aus seiner eigenen Region. Das Problem, so sagt er, hätten aber eher Frauen als Männer. „Hier am Land ist der Ruf noch wichtig und leider gefährdet, wenn eine Frau wechselnde Sexpartner hat. Das dauert bei uns auf dem Land drei Wochen, sich diesen Ruf als Frau zu erspielen und fünf Jahre, ihn loszuwerden.“ Er glaubt, Frauen in der Stadt könnten deshalb viel sorgloser lockeren Sex haben.

„Auf dem Land muss man sich immer überlegen, wie man möglichst freundlich einen Korb gibt“

Das Stigma zu umgehen, bedeutet großen Aufwand für Katharina: Ein Date kostet sie wegen der weiten Wege viel Zeit und Geld, von beidem hat sie nur wenig. „Außerdem werden aus den Dates dann immer so lange Veranstaltungen. Ich will ja nicht nur für eine Stunde durch die Gegend gefahren sein. Da müssen sich beide schon sicher sein, dass wirklich Interesse besteht.“ Gut sei dann wenigstens, dass man in der Stadt mehr unternehmen könne, auch Max weiß das: „Auf dem Land kann man spazierengehen. Oder was Kochen. Spannenderes ist da oft nicht drin.“

Was Katharina an den weiten Fahrten aber stört, ist, dass sich bei solchen Dates schon früh ein gewisses Machtgefälle festsetzt: Die Person, die die weite Strecke auf sich nimmt, wirke gleich etwas verzweifelter als die besuchte. „Obwohl ich selbst manchmal weit für Dates fahre, so wie heute zum Beispiel, finde ich es schon fast besorgniserregend, wenn ein Fremder so weit für mich fährt. Man fragt sich, warum er das nötig hat – obwohl es mir ja oft auch nicht anders geht.“ 

Auch Max plagt oft die Frage, ob die Frauen das gleiche wollen und erwarten wie er. „Hier bleibt das Ganze nie unverbindlich, das nervt mich. Wenn du auf der Dorfparty rumknutscht, redet da außerdem jeder drüber.“ Max erzählt dazu, dass er eine Zeit lang mit einer Frau geschlafen hat, die Affäre dann aber nach wenigen Wochen wieder beendet habe. Und das hatte laut ihm sofort ein Nachspiel: „Ich habe bei einer Feier eine Freundin von ihr getroffen – und musste mich dann da fertigmachen lassen. Die hat mich richtig zur Rede gestellt: Was das soll? Und warum ich ihrer Freundin nicht mehr schreibe?“ Das, so glaubt er, wäre ihm in der Stadt so nicht passiert. „Auf dem Land muss man sich immer überlegen, wie man möglichst freundlich einen Korb gibt.“

Ist Max einfach zu wild für das Single-Leben auf dem Land? Das fragt er sich manchmal. Denn etwa die Hälfte seiner Freund*innen sind ebenfalls Single – doch kaum jemand von ihnen ist so genervt von den Bedingungen auf dem Land wie er: „Ich glaube“, sagt er, „das liegt daran, dass die nicht so viel ausprobieren wollen, sondern zufrieden mit dem sind, was sie kriegen.“ 

Bei Katharinas Freundinnen ist das anders: Die meisten sind seit Jahren vergeben oder verheiratet, nur wenige Freundinnen von ihr sind noch Single. „Aber alle, die es sind, sind verzweifelt“, sagt sie. In ihrer Kleinstadt gingen sie daher alle auch oft Kompromisse ein. „Auf dem Land muss man leider wirklich die Ansprüche runterschrauben. Dass man mit Männern schläft oder sogar zusammenkommt, die einem eigentlich gar nicht so gut gefallen. Das hab ich jetzt schon mehrfach gehört – aber auch selbst erlebt.“ Damit das nicht noch öfter passiert, legen Katharina und eine Freundin sogar ihre Urlaubspläne danach aus, ob dort wohl Männer zu finden sein könnten. „Ich sag’s, wie’s ist: Ich würde sogar meinen Wohnort danach aussuchen.“ Da Katharina allerdings Referendarin ist, bestimmt der Staat momentan, wo sie arbeiten und wohnen soll. Ihr Liebesleben hat er damit irgendwie auch im Griff.

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