Wie sieht das Leben auf dem Land wirklich aus?

G wie Gülle und P wie Partykeller: ein ABC der Dorfkinder.
Aus der jetzt-Redaktion
dorfabc wirtshaus hartmutpoestges

Foto: Hartmut Poestges

Die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat schon lange nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in den vergangenen Tagen. Blöd nur, dass diese Aufmerksamkeit hauptsächlich negativ ist. Auslöser war die Kampagne #Dorfkinder, die sie (ungeschickter Weise?) auch auf Twitter geteilt hat. Denn dort wird sie nun dafür kritisiert, dass sie das Dorfleben als rein idyllisch darstellte. Das habe mit der Realität wenig zu tun, schreiben viele. 

Aber was stimmt denn nun? Ist das Dorfleben furchtbar oder ganz wundervoll? Beides, sagen wir Dorfkinder aus der jetzt-Redaktion. Und sammeln unsere Eindrücke in einem ABC der Dorfkinder.

A wie Anonymität

Gibt es auf dem Dorf nicht. Sibylle ging mal mit Heiko. Heiko mag die Moni nicht mehr. Denn Moni hatte mal mit Sibylle geknutscht, ist Jahre, wenn nicht sogar Generationen her. Merkt man sich aber trotzdem.  

B wie Blaskapelle

Weckt dich jeden Sonntag, wenn du eigentlich noch auskatern willst. Und sorgt natürlich beim Dorffest für Stimmung.

C wie Cousinen und Cousins 

Sind oft die einzigen Gleichaltrigen in nächster Umgebung. Auf sie projiziert man auch mal aus Versehen unkeusche Gedanken.

D wie Dialekt

Wird je nach Alter des Gegenübers stärker. Für einen Geldschein von der Großmutter redet man am besten so, dass man eigentlich Untertitel bräuchte.

E wie Einkauf

Ist ein Großevent und will geplant sein: Geringe Supermarktdichte bedeutet, dass die Eltern einmal die Woche mit dem Kombi zum nächsten Discounter fahren.

F wie Fendt

Ein Gefährt edlen Antlitzes – das Vollblut unter den Treckern.

G wie Gülle

Während sich Stadtleute über jedes bisschen Hundekot am Straßenrand erregen, ist es auf dem Land vollkommen in Ordnung, Tausende Liter an Scheiße zu versprühen.

H wie Haltestelle

Im Dorf gibt es meistens zwei davon, eine heißt sowas wie „Hinterdüpfingen Rathaus“, die andere „Hinterdüpfingen Schule“. Hier kann man viele Stunden mit Warten verbringen, wenn der Sprint für den ersten Bus nicht mehr gereicht hat.

I wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber …“

Satzanfang, der signalisiert, dass sich der*die Sprecher*in in jemandes Gesellschaft gerade sehr wohl fühlt.

J wie Jäten (von Unkraut)

Sinnlose Strafarbeit im Gemüsegarten, die noch aus Zeiten der Nahrungsmittelknappheit kommt und bei der das Konzept von Supermärkten keine Rolle spielt.

K wie Kinderspielplatz

Für die Schaukeln kommt kaum wer vorbei, denn die hat jede*r im eigenen Garten. Treffpunkt für die erste gemeinsame Zigarette oder den ersten Outdoor-Sex.

L wie LAN-Party

Könnte eine Weile dauern. Denn das Internet ist ja meist nicht so zackig.

M wie Mobbing

Trifft grundsätzlich jede*n, der*die nicht genauso weiß, heterosexuell, männlich oder weiblich ist wie die anderen. 

N wie Nachbargemeinde

Ist unendlich viel dümmer und inzestiöser als die eigene Gemeinde. Sprechen einen völlig lächerlichen Dialekt. Der schlimmste Abschaum, der je unter der Sonne gelebt hat.

O wie optische Täuschung

Phänomen, mit dem sich in die Stadt Gezogene später dafür rechtfertigen, wen sie auf dem Dorf ernsthaft attraktiv gefunden haben.

P wie Partykeller

Der Ort, an dem sich jeder Stefan über 40 seine männliche Freiheit errichtet hat: Dartspiel, Disco-Lichter, dunkelbraune Bar mit einer Auswahl aus dreißig Spirituosen. In Wahrheit nur von den minderjährigen Kindern in Benutzung.

Q wie Querulant

Meistens der Nachbar. Sagt Papa. Der Nachbar sagt allerdings, dass Papa der Querulant sei. Grundlage der erbitterten Feindschaft ist das Laub, das im Herbst immer über den Zaun in den anderen Garten fällt. Oder ein falsch geparktes Auto. Oder ein Streit im Gemeinderat. So genau weiß das niemand mehr.

R wie Rückkehr

Erstaunlich viele von denen, die nach der Schule abhauen, weil es ihnen zu provinziell ist, kommen dann später wieder, um ihre Kinder im gleichen Dorf großzuziehen. Die dann auch wieder abhauen. Und zurückkommen. Und so weiter. The Circle of Dorf.

S wie Stadtrat/Stadträtin

Denkt, sie sei die wichtigste Person im Ort. Hat meistens ein Kind, das unter ungeklärten Umständen das Abitur schafft. Die Schule hat danach ein neues Aquarium. 

T wie Trampolin

das Garten-Gadget, das jede*r im Garten stehen haben musste. Gab es im Angebot bei zahlreichen Supermarktketten. Wurde in seinen goldenen Zeiten dreimal besprungen, seither ist das Sicherheitsnetz kaputt.  

U wie Urige Wirtschaft

Einziger Treffpunkt für alle zwischen 0 und 99 Jahren.

V wie Verwandtschaft

Oft das halbe Dorf, mit dem man über drei Ecken verwandt ist.  

W wie „Wem ghersch du?“ dt.: Wem gehörst du?

Süddeutsche Standard-Anrede bei Kindern unter 14 Jahren – auf dem Land ist man Eigentum der Eltern.

X wie X-Factor

Machen wir uns nichts vor: Die wirklich gruseligen Dinge passieren nie in der Stadt, sondern immer auf dem Dorf. Außerdem breiten sich Gerüchte über mögliche Mörder*innen, Entführer*innen, Einbrecher*innen oder Monster im Wald viel schneller und flächendeckender aus.

Y wie YMCA

Das Lied, das auf einer Dorfparty nie fehlen darf.

Z wie Zugezogene

Wer aus der Nachbargemeinde ( → siehe auch N) stammt, hat in diesem Dorf nichts mitzureden. Im Umkreis von 15 Kilometern kann sich kulturell und zivilisatorisch gesehen viel verändern!!1!

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