Tina lebt in einem Dorf, das für Kohle abgebaggert werden soll

Sie wehrt sich dagegen. Um ihr Zuhause zu erhalten – und das Klima zu retten.
Von Nadja Schlüter
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„Die Leute kommen aus der ganzen Welt in mein Zuhause“, sagt Tina. Sie meint damit: zum Protest am Tagebau Garzweiler.

Foto: Nadja Schlüter

Das Loch war immer schon da. Als Tina geboren wurde, als sie reiten lernte, als sie eingeschult wurde, als sie sich zum ersten Mal verliebte. Jahr für Jahr rückte es ein Stückchen näher an ihr Zuhause heran, an die Pferdekoppeln und das große Backsteinhaus. „Für mich war es ganz normal, dass irgendwann alles hier in diesem Loch verschwinden wird“, sagt sie. „Erst vor ungefähr zwei Jahren habe ich gemerkt: Das ist gar nicht normal. Und man kann das aufhalten.“

Tina Dresen sitzt an diesem Samstag im kühlen Wintergarten ihres Elternhaus in Kuckum, ein kleines Dorf in Nordrhein-Westfalen, etwa 55 Kilometer nordwestlich von Köln. An diesem Wochenende sind im ganzen Rheinland Klimaproteste geplant, einige laufen schon, und auch Tina muss eigentlich in einer halben Stunde zur Demo. Ihre Mutter ist eben losgefahren, ihr Bruder David wuselt durchs Haus, schaut kurz in den Wintergarten: „Ich soll dir von Mama sagen, dass unten eine Fahne für dich steht. Wir sehen uns gleich!“ Dann ist er weg. Tinas Handy klingelt. Mehrmals.

Aber sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schiebt sich die weiten Ärmel ihres Pullovers über die Hände und schaut nach draußen auf die Koppel, wo ihr Pony Luke im Regen grast. Auf das Wäldchen dahinter, durch das der kleine Fluss Niers verläuft. Ihre Mutter ist hier aufgewachsen, ihre Oma, ihre Uroma. Ihre Großeltern wohnen im alten Teil des ehemaligen Bauernhauses, Tina, ihre Eltern und David im umgebauten Kuhstall. 2019 hat Tina Abitur gemacht, seit August macht sie eine Ausbildung zur tiermedizinischen Assistentin in einer Pferdeklinik in der Nähe von Bonn. Sie pendelt täglich. „Ich wollte nie hier weg“, sagt sie. Gleichzeitig stand für sie lange Zeit fest: Irgendwann muss sie weg. Und nicht nur sie, sondern das ganze Dorf.

In ihrem Zimmer kann Tina die riesigen Kohlebagger manchmal hören

Denn der Braunkohle-Tagebau Garzweiler II – „das Loch“, wie Tina und viele andere hier ihn nennen – ist nur etwa drei Kilometer vom Haus der Dresens entfernt. In ihrem Zimmer kann die 20-Jährige die riesigen Kohlebagger manchmal hören. Dort, wo sie auf einer Fläche von 48 Quadratkilometer graben, waren früher mal Ortschaften, sie hießen Borschemich und Otzenrath, Holz und Pesch. Im gesamten Rheinischen Braunkohlerevier wurden in den vergangenen 70 Jahren 40 000 Menschen für die Kohle umgesiedelt. Bis Deutschland 2038 endgültig aus der Braunkohle aussteigt, will der Energiekonzern RWE für den Tagebau Garzweiler noch fünf weitere Dörfer abbaggern: Keyenberg, Berverath, Ober- und Unterwestrich und Kuckum. Bloß wollen das nicht alle, die dort leben, zulassen.

Mit 80 Prozent der Bewohner*innen habe man sich bereits geeinigt, heißt es von RWE. Mit den Dresens allerdings nicht. Sie haben jahrelang verhandelt, unzählige Telefonate geführt und Briefe geschrieben. Sie wollten die drei Pferde mitnehmen, aber im neuen Ort, fünf Kilometer westlich von hier, gab es kein Grundstück, auf dem das so einfach möglich gewesen wäre. Und überhaupt wollen sie eigentlich ja gar nicht aufgeben, was sie haben, das alte Haus mit der denkmalgeschützten Fassade, die Familiengeschichte, die drinsteckt. Schon gar nicht für einen Platz in einer Siedlung, die am Reißbrett geplant wurde, in der es keine Bäume gibt, keine alte Kirche, keinen Weiher, keine Niers. Also haben sie vor einigen Monaten die Verhandlungen abgebrochen. Im Wintergarten liegt ein dicker Leitz-Ordner mit der Aufschrift „RWE Eltern“, in dem Tinas Eltern die Unterlagen der Großeltern gesammelt haben. Jetzt kommen erstmal keine mehr dazu.

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Tina und ihr Pony Luke. Das Grundstück der Dresens ist insgesamt 15 000 Quadratmeter groß. RWE konnte ihnen kein Angebot machen, für das sie bereit wären, es aufzugeben.

Foto: Nadja Schlüter
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Mit diesem Schild fing alles an: „Kuckum bleibt“ entschied Tinas Mutter vor zwei Jahren. Das gelbe Andreaskreuz ist das Symbol des Widerstands gegen RWE und den Tagebau.

Foto: Nadja Schlüter
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Die Dorfkneipe in Keyenberg wurde 2019 von RWE gekauft und geschlossen. Bei den „Ende Gelände“-Demos im September 2020 wurde sie von Aktivist*innen besetzt und kurzzeitig „wiedereröffnet“. Mitglieder der Initiativen „Alle Dörfer bleiben“ und „Kirche im Dorf lassen“ hielten einen spontanen Gottestdienst vor der Tür ab .

Foto: Tim Wagner / imago images
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Das Dorf Immerath – hier ein Bild aus dem Jahr 2013 – lag sechs Kilometer südwestlich von Kuckum. Heute ist es  komplett abgerissen.

Foto: Marius Becker / dpa

Kuckum hatte mal knapp 500 Einwohner*innen, heute sind es noch 268. An den verlassenen Häusern sind die Rollläden heruntergelassen. Auch das alte Ehepaar, das links neben den Dresens wohnte, ist weggezogen. Tina kann das verstehen. „Wir wissen seit Jahrzehnten, dass wir abgebaggert werden, viel länger, als es mich gibt“, sagt sie. „Viele haben sich darauf eingestellt, und wenn sie dagegen gekämpft haben, war der Gegenwind von RWE, der Politik und der Stadt sehr stark. Irgendwann konnten sie nicht mehr.“ Das Symbol derer, die noch können, ist das gelbe Andreaskreuz. Es steht zum Beispiel vor dem Haus der Dresens und vor dem der Nachbar*innen auf der anderen Seite. Tinas Mutter war vor zwei Jahren bei den Protesten im Hambacher Forst und fand es toll, dass so viele Menschen für den Wald gekämpft haben. Aber wieso, fragte sie sich, kämpft niemand für die Dörfer? Also hing sie ein Plakat an den Zaun ihres Grundstücks: „Kuckum bleibt“. Mit der Zeit entstand daraus das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“.

Als Tina durch die Seitentür aus dem Haus geht, streckt auch ihr kleiner Terrier-Mischling Nala neugierig die Nase durch den Spalt. Es riecht nach Essen, Menschen in Regenjacken kochen im Hof, Hühner stolzieren um sie herum. Hinten auf der Wiese, unter den Bäumen, stehen drei Zelte. Die Dresens bieten an diesem Wochenende Aktivist*innen Schlafplätze und eine Kochstelle an. Wie schon in den vergangenen Jahren will die Klimabewegung „Ende Gelände“ mit mehreren Tausend Menschen im Rheinischen Revier für den sofortigen Kohleausstieg protestieren. Sie planen Aktionen zivilen Ungehorsams, das heißt: illegal auf RWE-Werksgelände einzudringen, Kohlebagger, Kraftwerke und Gleise zu besetzen. Auch „Alle Dörfer bleiben“ hat für den Samstagmittag eine Demo mit dem Titel „Kein Grad weiter“ angemeldet, das Motto des vierten weltweiten Klimastreiks von „Fridays for Future“. Der Zusammenschluss mit der Klimabewegung macht Tina Hoffnung. „Die Leute kommen aus der ganzen Welt in mein Zuhause“, sagte sie. „Und es kommen auch Leute zurück, die ihr Haus schon verkauft haben, und planen mit uns Aktionen. Wir haben eine schwierige Zeit hinter uns, aber jetzt sind wir viel stärker als vorher!“

Einige von Tinas Mitschüler*innen wollten nichts mit dem Widerstand zu tun haben, weil ihre Eltern bei RWE arbeiteten

Die „schwierige Zeit“, das war anfangs, als fast niemand mitmachen wollte bei ADB. Als die Dresens für ihren Widerstand ausgelacht wurden. Und als es außer Tina und ihrem Bruder David fast gar keine jungen Menschen gab, die sich engagierten. Viele von Tinas Mitschüler*innen am Gymnasium in Erkelenz interessierten sich nicht für das Thema, weil sie selbst nicht in einem der betroffenen Dörfer wohnten. Oder sie wollten nichts damit zu tun haben, weil ihre Eltern oder andere Verwandte bei RWE arbeiteten. Die Tochtergesellschaft „RWE Power“, die für die Stromerzeugung aus konventionellen Energiequellen zuständig ist, beschäftigt 11 000 Menschen. Deren Lebensunterhalt hängt teils direkt, teils indirekt von der Kohle ab. Das Unternehmen ist auch ansonsten fest mit der Region verwachsen. Sich gegen einen milliardenschweren Konzern stellen, der Arbeitsplätze sichert, Strom liefert, ein Fußballstadion finanziert und die Menschen, die umsiedeln müssen, entschädigt? Für ein paar alte Backsteinhäuser und Pferdekoppeln? Klingt nicht sehr einladend.

Aber für Tina ging es immer um mehr. Es ging um ihr Zuhause. Und dann geht es plötzlich um noch mehr. Nämlich ums Klima. 2018 setzt eine streikende Schülerin aus Schweden eine neue weltweite Klimabewegung in Gang. Nicht nur Tina wird bewusst, dass das Rheinische Braunkohlerevier die größte CO2-Quelle Europas ist. Dass die Kohleverstromung eigentlich sofort beendet werden muss, damit noch eine Chance besteht, die Erderwärmung unter der 1,5-Grad-Marke zu halten. Als Tina Anfang 2019 eine „Fridays for Future“-Ortsgruppe in Erkelenz gründet, findet sie Mitstreiter*innen. 

Und das ist nur der Anfang. Im März 2019 mobilisiert ADB 3000 Menschen für einen Sternmarsch in die Dörfer, im Juni nehmen 6000 Aktivist*innen an „Ende Gelände“-Aktionen im Rheinischen Revier Teil. Der Kohlekompromiss, den Bund und Länder im Januar 2020 verabschieden, besagt, dass der Hambacher Forst erhalten bleiben soll – aber auch, dass die Ausweitung des Tagebaus Garzweiler und damit das Abbaggern der Dörfer „energiewirtschaftlich notwendig“ sei. Im Juli 2020 wird das im Kohleausstiegsgesetz festgeschrieben. Die Klimabewegung macht darum Keyenberg, Kuckum und Co. als nächsten großen Schauplatz aus. Als im Sommer der Abriss der L277 beginnt, die  als „Rote Linie“ zwischen Grube und Dörfern gilt, wird sie mehrere Tage von Aktivist*innen besetzt. Auf der Landstraße entsteht eine permanente Mahnwache, am Ortseingang von Lützerath, das schon umgesiedelt wurde und noch in diesem Jahr abgerissen werden soll. Ihr Motto: „Wir bleiben, bis die Bagger stehen.“

Die Initiative „Menschenrecht vor Bergrecht“ hat Verfassungsbeschwerde gehen das Kohlegesetz eingereicht

Dass Dörfer, unter denen Braunkohle lagert, abgebaggert werden können, war jahrzehntelang politisch gewollt und ist durch das Bergrecht gesichert. Die Gewinnung des Energieträgers gilt als Allgemeinwohl, das über dem Eigenwohl steht. Theoretisch ist sogar eine Enteignung möglich, wenn jemand seinen Grund nicht an das Energieunternehmen verkaufen will. Das sei aber in der gesamten Geschichte des Braunkohlebergbaus der absolute Ausnahmefall, schreibt der RWE-Unternehmenssprecher Guido Steffen per Mail.

Die Frage ist, ob der Abbau von Braunkohle in Zeiten der Klimakrise und der Erneuerbaren Energien wirklich noch dem Allgemeinwohl dient.  Ein vom BUND in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten hat ergeben, dass wegen der geltenden Klimaschutzvorgaben Enteignungen für den Tagebau über das Jahr 2019 hinaus nur noch beschränkt möglich seien. Auf dieses Gutachten stützen sich nun mehrere Dorfbewohner*innen, unter anderem die Dresens, die die Initiative „Menschenrecht vor Bergrecht“ gegründet haben. Sie haben Verfassungsbeschwerde gegen das Kohleaustiegsgesetz eingereicht und ein Grundstück nah an der Tagebaukante gekauft. Sie wollen ein Enteignungsverfahren provozieren und daraus einen Präzedenzfall zu machen.

Der Widerstand wächst also. RWE sieht das natürlich nicht gern, klar, aber auch nicht alle Menschen aus den Dörfern. Beim Sternmarsch im vergangenen Jahr gab es in Keyenberg eine kleine Gegen-Demo. Die Argumente der Teilnehmer*innen: Vor zehn Jahren hätten sie die Unterstützung brauchen können, jetzt sei es zu spät. Die längst begonnenen Umsiedlungen sollten geschlossen beendet werden, damit die Dorfgemeinschaft nicht zerrissen wird. RWE argumentiert ähnlich. Unternehmenssprecher Steffen schreibt, „der möglichst geschlossene Umzug“ sei eines der Kernelemente der Umsiedlung: „Die unvermeidlichen Belastungen durch die Umsiedlungen werden erfahrungsgemäß abgemildert, wenn Familien, Nachbarschaften, Freundeskreise, Vereine erhalten bleiben.“ Auf Anfrage bei einem der Vereine, deren junge Vorsitzende im vergangenen Jahr bei der Gegendemo dabei war, heißt es, man wolle sich dazu nicht äußern, „aus politischen Gründen“.

Heimat kann eine Gemeinschaft sein. Oder ein Ort. Im Rheinischen Revier muss man sich entscheiden

Heimat kann eine Gemeinschaft sein. Der Karnevals- und der Schützenverein, die Nachbar*innen, egal wo. Oder sie kann ein Ort sein. Ein Backsteinhaus, ein Wäldchen, die Dorfstraße. Oft lassen sich beide Heimatbegriffe miteinander vereinbaren, kann man beides wollen und haben. Aber in dem Konflikt um die Dörfer am Tagebau scheint man sich entscheiden zu müssen, was einem wichtiger ist, die Menschen oder der Ort. Im Wintergarten hat Tina nur ganz kurz von ihrer besten Freundin erzählt, mit der sie früher im Pferdestall gespielt hat. Sie lebt heute in der neuen Siedlung. „Sie kommt oft her, das zeigt mir, dass sie das Dorf vermisst. Und sie unterstützt auch, was ich mache, aber äußert sich nicht richtig dazu.“ Mehr möchte sie darüber nicht sagen, sie will nicht im Namen ihrer Freundin sprechen. Nur so viel: „Es ist ein bisschen komplizierter. Aber ich denke schon, dass wir das zusammen hinkriegen.“

Auf dem Marktplatz von Hochneukirch sammelt sich am Samstagmittag die ADB-Demo, Gegendemonstrierende sind keine zu sehen. Es hat aufgehört zu regnen, aber der Wind ist klamm und kalt. Tinas Bruder hält eine Rede auf dem Lautsprecherwagen, ihre Mutter spannt ein „Alle Dörfer bleiben“-Banner auf, gemeinsam mit Maja, die mit Tina auf der Grundschule war. Das gelbe Andreaskreuz ist überall, auf Flaggen und T-Shirts, als Anstecker an Jacken, Rucksäcken und Mützen. Tina hat es auf ihren schwarzen Mund-Nasen-Schutz gemalt. Gegen 13 Uhr warten um die 400 Teilnehmer*innen darauf, dass es losgeht. Die geplante Route an der Tagebaukante entlang wurde von RWE kurzfristig gesperrt, angeblich wegen Bauarbeiten. Womöglich hat das auch mit den „Anti-Kohle-Kidz“ zu tun, die sich der Versammlung angeschlossen haben. Die Gruppe scheint ein Hybrid aus „Fridays for Future“ und „Ende Gelände“ zu sein, ihr Logo ist der grüner Kreis, den man von FFF kennt, mit dem umgedrehten „Ende Gelände“-Bergwerkzeug darin. In ihren Wanderschuhen und mit den großen Rucksäcken sehen sie weniger nach Spaziergang und eher nach Grubenbesetzung aus. 

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Auf dem Marktplatz von Hochneukirch versammelt sich die Demo. Tinas Mutter (links, mit Banner) ist dabei.

Foto: Nadja Schlüter
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Auf dem Feld nahe der Tagebaukante werden Aktivist*innen von der Polizei eingekesselt. Auch Demonstrant*innen von „Alle Dörfer bleiben“ sind dabei.

Foto: Nadja Schlüter
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„Alle Dörfer bleiben“ steht auch auf dieser Flagge.

Foto: Nadja Schlüter
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Etwa 400 Menschen nehmen an der Demo von „Alle Dörfer bleiben“ teil.

Foto: Nadja Schlüter
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An der Tagebaukante treffen konventionelle auf erneuerbare Energien: unten Braunkohle, oben Windränder.

Foto: Nadja Schlüter
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Im ganzen Rheinischen Braunkohlerevier fanden am vergangenen Wochenende wieder Aktionen des zivilen Ungehorsams der Klimaschutzbewegung „Ende Gelände“ statt. Die Veranstalter*innen sprachen von 3000 Teilnehmer*innen.

Foto: Tim Wagner / imago images

Tina plaudert während der Wartezeit mit ihrem Freund Liam und dessen Freund Ben, und mit Jenny und Sophia, die heute zum ersten Mal dabei sind. Jenny ist in Keyenberg aufgewachsen. Ihre Familie ist 2018 weggezogen, sie selbst studiert mittlerweile in Köln, trotzdem will sie jetzt für den Erhalt des Dorfes demonstrieren. „Ich würde zurückgehen, wenn ich könnte“, sagt sie. Sophia, die in der Schweiz studiert, kommt aus Unterwestrich. Viele Häuser stünden schon leer, sagt sie, ein paar Mal sei dort nachts eingebrochen worden. Aber ihre Eltern wollen bleiben. Sie findet das gut und denkt dabei schon an die nächste Generation. „Wie soll ich meinen Kindern später mal meine Heimat zeigen, wenn sie abgebaggert wird?“ Sie macht eine schweifende Handbewegung, als würde sie über eine weite Fläche zeigen. „,Soll ich sagen: ,Ich komme aus diesem großen Loch’?“ Es klingt witzig, aber sie lacht nicht. 

Was für die Anwohner*innen immer schon Realität war, haben viel lange nicht mitbekommen. André, der aus Köln angereist ist, sagt: „Dass Dörfer abgebaggert werden, habe ich immer eher in der Vergangenheit verortet.“ Über „Fridays for Future“ hat er davon erfahre, dass das auch heute noch passiert. Jamilo, der ebenfalls bei FFF aktiv ist, ist 2018 mit seiner Familie nach Wanlo gezogen, das direkt an der Tagebaukante liegen wird, wenn Kuckum und die anderen Orte verschwinden. „Ich habe erst bei einer Fahrradrunde mit meinem Hund gemerkt, wie nah das Loch ist“, sagt er. Jetzt trägt er ein gelbes ADB-Shirt und erzählt später auf dem Lautsprecherwagen von dem Dreck, den die Bagger machen und den der Wind dann auf seine Fensterbank trägt.

Als die Demo endlich losgehen darf, führt die Route sie zunächst vom Tagebau weg. Die Menge skandiert: „A-, Allez, Alle Dörfer bleiben!“ Tina hat sich die gelben Stulpen ihrer Mutter geliehen und formt mit den Unterarmen ein gelbes Kreuz über ihrem Kopf. Immer wieder verfolgen die Teilnehmer*innen auf ihren Handys die Meldungen von „Ende Gelände“: Aktivist*innen sind in die Garzweiler Grube eingedrungen, halten das Kohlekraftwerk Weisweiler und das Gaskraftwerk Lausward besetzt. Tinas Mutter freut sich über eine Nachricht aus Keyenberg: Dort hat eine „Ende Gelände“-Gruppe spontan die alte Dorfkneipe „wiedereröffnet“, die seit 2019 geschlossen ist. 

Am späten Nachmittag kommt die Demo über Umwege in Wanlo an, dem geplanten Endpunkt. Dort biegen die „Anti-Kohle-Kidz“ plötzlich in eine Seitenstraße ab und rennen los. In Richtung Grubenkante, die von hier keine zwei Kilometer entfernt ist. Einige der ADB-Demonstrant*innen winken ihnen hinterher, aber Tina rennt mit, auch ihre Mutter, ihr Bruder, Jenny und Sophia. Auf dem Acker kurz vor der Kante, zwischen riesigen Windrädern, wartet schon die Polizei. Kurz wird es unübersichtlich und ungemütlich, dann sitzen die meisten Aktivist*innen, darunter Tinas Bruder, in zwei Polizeikesseln fest. Tina setzt sich mit ihren Demo-Freund*innen auf die Straße, sie will abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Nach etwa einer Stunde werden die Kessel aufgelöst und die Demo wird von der Polizei in Richtung Keyenberg eskortiert, wo die alte Kneipe immer noch besetzt ist.

Vergangenes Jahr ist Tina selbst bei „Ende Gelände“ mitgelaufen, gemeinsam mit ihrem Freund. Diesmal war ihr das zu riskant, der Ausbildung wegen. Immerhin begehen die Aktivist*innen immer wieder bewusst Hausfriedensbruch, der Verfassungsschutz stuft „Ende Gelände“ als linskextrem ein. Gereizt haben Tina die Aktionen trotzdem wieder. „ADB wird niemals radikal werden“, sagt sie. „Aber langsam reicht es uns und wir sind der Meinung, dass man etwas mehr machen muss, als immer nur freundlich zu bitten.“ Was genau sie damit meint, verrät sie nicht. Aber sie fühle sich verantwortlich, sich zu wehren. Als eine Vertreterin der nächsten Generation, als Bewohnerin eines Dorfes, aber auch als Bewohnerin dieses Planeten. „Die Klimabewegung und ADB, das ist für uns nicht mehr trennbar. Und auch, wenn wir Kuckum retten, würde ich danach nicht sagen: Wir haben uns Ziel erreicht. Ich würde nicht aufhören.“

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